Bluecard ist keine Bedrohung

Früher war sie grün, heute ist sie blau: die Eintrittskarte zum deutschen Arbeitsmarkt. Der Unterschied: Die Greencard galt nur für Deutschland, die Bluecard (genauer: Blaue Karte EU) ist Teil der Hochqualifizierten-Richtlinie der EU. Ob uns nun massenweise arbeitslose oder wechselwillige IT-Experten aus Nicht-EU-Staaten überrollen, ist fraglich. Als die Greencard vor genau zwölf Jahren eingeführt wurde, war sie für qualifizierte Ausländer nicht gerade attraktiv: Anders als die Greencard in den USA gab es in Deutschland sehr strenge Bleiberechtbedingungen. Das Prinzip „Gastarbeiter“ wiederholte sich. Deutschland sollte kein Einwanderungsland werden. Das war eher eine Abschreckung als eine Einladung. Die Folge: Die damals so begehrten Inder zog es nach Großbritannien, und die IT-Experten in Osteuropa hatten in ihren aufstrebenden Märkten selbst genügend gute Jobangebote. Trotzdem kamen innerhalb der Laufzeit (2000 bis 2004) knapp 18.000 IT-Fachkräfte aus Drittländern nach Deutschland.

Doch es hätten viel mehr sein können. Um Dumpingpreise zu verhindern, mussten ausländische IT-Experten damals mindestens 100.000 DM im Jahr verdienen. Das gab böses Blut in den IT-Unternehmen, denn viele Mitarbeiter erhielten weit weniger als ihre potenziellen neuen Kollegen. Um den Betriebsfrieden nicht zu stören, verzichteten viele Firmen auf die Anwerbung ausländischer IT-Kräfte, obwohl sie dringend neue Mitarbeiter gebraucht hätten.

Nun soll es die Bluecard richten. Bei rund 38.000 offenen IT-Stellen in Deutschland 2011 wäre den Unternehmen eine Zuwanderungswelle willkommen. Denn fehlende Qualifikationen können für sie zu schweren Umsatzeinbußen führen. Aufträge gibt es genug. Deshalb steht die IT-Wirtschaft der Politik schon länger auf den Füßen, die Zuwanderung von IT-Experten zu erleichtern. Seit dem 1. August 2012 können sich ausländische Fachkräfte bewerben.

Um eine Niederlassungserlaubnis zu bekommen, müssen Arbeitnehmer aus Nicht-EU-Staaten Arbeitsverträge mit einem Jahresgehalt von mindestens 44.800 Euro vorlegen, bei Mangelberufen wie etwa IT-Experten und Ingenieuren reichen sogar 34.944 Euro. Die Situation in den IT-Betrieben dürfte sich deutlich entspannen, wenn neue Kollegen nicht gleich mit einem Top-Gehalt einsteigen. Allerdings sind das die Mindestsätze – die Unternehmen können jederzeit mehr bezahlen. Je nach Qualifikation müssen sie das auch, denn ein Softwarearchitekt wird sich nicht mit dem Gehalt eines Support-Mitarbeiters begnügen.

Wenn man diese Zahlen mit der aktuellen IT-Entgeltstudie der IG Metall vergleicht, bekommt man für den Bluecard-Mindestlohn nicht einmal einen Junior-Berater – Consultants steigen bei circa 43.000 Euro ein. Sogar ein Facharbeiter Fertigung verdient mehr (36.228 Euro), ein Operator im Rechenzentrum startet bei einem Gehalt von 38.587 Euro. Die Einstiegsgehälter im Software Engineering, IT-Marketing, IT-Vertrieb, bei der Hardware-Entwicklung und sogar in der kaufmännischen Administration liegen jenseits der 40.000 Euro. Das gesetzlich festgelegte Mindestgehalt ist also eine symbolische Größe, denn ausländische IT-Experten wissen, was sie wert sind.

Welche Auswirkungen haben die neuen Regelungen auf die deutschen IT-Arbeitnehmer und Arbeitssuchende? Zum Beispiel entfällt die Vorrangprüfung. Das heißt: Unternehmen müssen nicht mehr nachweisen, dass sie für eine bestimmte IT-Stelle keinen inländischen Kandidaten gefunden haben. Wer bei der Arbeitsagentur gemeldet ist, erhält solche Angebote also nicht mehr automatisch über seinen Berater, sondern muss selbst mehr Rechercheaufwand betreiben, bevor der Job anderweitig vergeben wird.

Wer gerade erst seinen Hochschulabschluss hinter sich hat, muss ein bisschen länger als bisher gegen seine ausländischen Kommilitonen konkurrieren, denn die dürfen künftig 18 statt zwölf Monate lang in Deutschland nach einem Job suchen. Absolventen von Berufsausbildungen haben ein Jahr Zeit.

Doch keine Sorge: Selbst wenn durch die vermehrte Zuwanderung von IT-Experten der Arbeitsmark kurzzeitig entlastet wird, gibt es auch weiterhin einen großen Bedarf an hochqualifizierten Informatikern mit Studium und Berufserfahrung. Die Arbeit geht Ihnen also nicht aus.

2 Gedanken zu „Bluecard ist keine Bedrohung“

  1. Guten Tag,
    wirklich ein sehr gut recherchierter Artikel, dessen Fazit ich komplett teilen kann. Gerade in der IT-Branche herrscht derzeit eine solch große Nachfrage an qualifizierten Fachkräften, dass diese so schnell gar nicht gesättigt werden kann. Ich persönlich bin auch in diesem Bereich tätig und mache mir überhaupt keine Sorgen – wäre sogar froh, wenn die vielen offenen Stellen in unserem Betrieb endlich mit passenden und qualifizierten Menschen besetzt werden würden.

    Grüße
    Markus Heldenmeyer

  2. Ich schließe mich meinem Vorkommentierer an: Ein sehr gut recherchierter Artikel!
    Und danke für Ihre Einschätzung aus der Branche, Herr Heldenmeyer – ich finde es immer interessant, von jemandem die Meinung zu hören, der sozusagen betroffen ist.
    Ich selbst finde nämlich eher, man sollte die Arbeitsmarktsituation in Deutschland verbessern, um inländischen Fachkräften die Chancen auf Anstellung zu ermöglichen (Stichwort flexible Arbeitszeitmodelle).
    Ich finde, dass ist die längerfristige, zukunftsorientiertere Methode. Aber, vielleicht ist es auch für das hier und jetzt gut, ausländischen Fachkräften die Zuwanderung zu erleichtern. Weil: Selbst wenn jetzt begonnen wird, die Arbeitssituation zu verbessern – bis sich Erfolge zeigen wird es naturgemäß dauern…
    Ich habe noch einen anderen spannenden Artikel gefunden.
    Ein Interview mit „Frank Maaß, der in einer IfM-Studie das deutsche Zuwanderungssystem mit Blick auf den Fachkräftemangel genauer unter die Lupe genommen hat, begrüßt die Blue-Card-EU.“ (Quelle: http://www.marktundmittelstand.de/nachrichten/strategie-personal/blue-card-gegen-fachkraeftemangel/)
    Dort wird auch etwas angesprochen, was ich bedenklich finde: Durch Herabsetzung des Mindestlohns – ermöglicht man da nicht Lohndumping in Deutschland??
    Weiterhin wird darauf hingewiesen, wie wichtig eine Eingliederung der angeworbenen Fachkräfte ist. Klar, eine Fachkraft geht eher nach Großbritannien – die Sprache ist leichter und meist schon erlernt. Daher müssen deutsche Arbeitgeber gleich schon Sprachkurse etc. anbieten um sich selbst attraktiver zu machen…
    Es bleibt allerdings abzuwarten, was die Blue Card wirklich bringt… Ich bin gespannt ;)

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